Die strategische Vorausschau mittels Szenario-Methodik untersucht explorativ mögliche zukünftige Entwicklungen systematisch, um mehrere plausible und konsistente Bilder der Zukunft zu entwerfen und daraus robuste Handlungsoptionen abzuleiten.
Übersicht des Szenario-Prozesses des Fraunhofer Instituts
Ziele und Nutzen
Mehr Sicherheit im Umgang mit Unsicherheit
Umgang mit Unsicherheit
Die Szenario-Methodik bietet Unternehmen die Möglichkeit, Unsicherheiten gezielt zu strukturieren und unterschiedliche Zukunftsverläufe greifbar zu machen.
Statt auf unvorhersehbare Ereignisse nur reagieren zu müssen, entwickeln Organisationen ein aktives Verständnis möglicher Entwicklungen.
Dadurch können sie flexibel auf Markt- oder Politikänderungen reagieren und ihre Widerstandsfähigkeit in Krisensituationen deutlich erhöhen.
Strategische Weitsicht
Mit Szenarien lassen sich Entwicklungen über den kurzfristigen Planungshorizont hinaus systematisch durchdenken.
Entscheidungsträger erhalten so ein Werkzeug, um nicht nur auf aktuelle Trends zu schauen, sondern auch langfristige Veränderungen im Blick zu behalten.
Das ermöglicht es, neue Geschäftsfelder frühzeitig zu erkennen, Innovationspotenziale zu nutzen und strategische Prioritäten rechtzeitig zu setzen – ein klarer Wettbewerbsvorteil.
Robuste Strategien und Innovationen
Durch das systematische Durchspielen verschiedener Zukunftsbilder können Unternehmen testen, welche Strategien und Innovationen unter unterschiedlichen Bedingungen Bestand haben.
So lassen sich tragfähige Optionen identifizieren und spezifische Risiken frühzeitig sichtbar machen.
Das verringert die Gefahr von Fehlinvestitionen und erhöht die Chancen, dass Innovationsvorhaben langfristig erfolgreich umgesetzt werden.
Interdisziplinäre Zusammenarbeit
Die Entwicklung von Szenarien bringt Menschen aus unterschiedlichen Bereichen eines Unternehmens an einen Tisch.
Forschung, Marketing, Produktion und Management arbeiten gemeinsam an Zukunftsbildern, die über Abteilungsgrenzen hinaus Verständnis schaffen.
Dieser Prozess fördert Wissensaustausch, löst Silostrukturen auf und ermöglicht eine abgestimmte Strategieentwicklung, die das gesamte Unternehmen mitträgt.
Typische Vorgehensweise
Von der Leitfrage zur Szenariowelt
Ziel- und Themenklärung
Zunächst wird das Themenfeld für die Szenario-Methodik definiert.
Dies geschieht durch die Frage:
„Für welche strategische Entscheidung oder welches Innovationsfeld wollen wir Szenarien entwickeln?“
Möglichkeitsraum eröffnen
Dieser Abschnitt dient der Identifikation von Schlüsselfaktoren und Einflussbereichen. Hier werden relevante Einflussfaktoren gesammelt, indem beispielsweise gesellschaftliche Trends, technologische Entwicklungen oder politische Veränderungen reflektiert werden.
Das Zulassen von Dissens und das Fördern von Gedankenspielen helfen dabei, ein breites Spektrum an Einflussgrößen zu erfassen.
Szenarien entwickeln
Die identifizierten Schlüsseltrends werden kombiniert, um unterschiedliche Szenariopfade zu konstruieren.
Dabei wird die innere Konsistenz der Szenarien überprüft, ihre Wünschbarkeit bewertet und quantitative Daten hinzugezogen, um eine fundierte Grundlage für die verschiedenen Zukünfte zu schaffen.
Reflexion und De-Biasing
Ein systematisches Monitoring hilft, die Szenarien in strategische Entscheidungsprozesse zu integrieren und regelmäßig zu überprüfen, wie sich die Realität im Vergleich zu den Szenarien entwickelt.
Anwendungsbeispiel
Beispiel: FOX – food processing in a box
Im Projekt FOX („Food Processing in a Box“) entwickelte das Fraunhofer ISI gemeinsam mit Partnern Zukunftsszenarien für den europäischen Lebensmittelsektor im Jahr 2035. Grundlage war eine Trendanalyse, aus der zentrale Einflussfaktoren abgeleitet wurden. Diese wurden in Kernszenarien überführt und anschließend durch Experteninput weiter geschärft. Ergebnis sind drei konsistente Zukunftsbilder, die als Orientierung für Politik, Wirtschaft und Forschung dienen.
Die drei Szenarien – kurz und knapp skizziert:
Politik sichert Nachhaltigkeit
-
Staaten übernehmen Verantwortung für Ernährungssicherheit, besitzen landwirtschaftliche Flächen und nutzen Datenhoheit entlang der Wertschöpfungskette.
-
Bürger vertrauen auf staatliche Versorgung, während Nachhaltigkeit politisch gesteuert wird.
Gesellschaft treibt Nachhaltigkeit voran
-
Verbraucher setzen auf gesunden, umweltbewussten Lebensstil und lokale Produktion.
-
Landwirtschaft ist kleinteilig organisiert, Biodiversität wird geschätzt.
-
Regierungen spielen nur eine Nebenrolle, während Gemeinschaften und Konsumenten zentrale Treiber sind.
Märkte und Technologien dominieren
-
Globale Handelsketten und Einzelhändler prägen den Lebensmittelmarkt.
-
Effizienz und technologische Innovation stehen im Vordergrund, Biodiversität und Umweltfolgen sind zweitrangig.
-
Datenhoheit liegt bei Händlern, CO₂-Bepreisung und digitale Lösungen bestimmen Konsum und Produktion.
Nutzen für die Praxis
Die FOX-Szenarien verdeutlichen, wie unterschiedliche Akteure – Politik, Gesellschaft oder Markt – die Zukunft prägen können. Unternehmen und Institutionen erhalten damit eine strukturierte Grundlage, um eigene Strategien zu testen, Risiken zu erkennen und Innovationspotenziale gezielt zu entwickeln.
FOX - Food Processing in a Box (n.d.). FOX – Food processing in a Box. Abgerufen am 26. August 2025 von https://www.fox-foodprocessinginabox.eu/
Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI. (n.d.). FOX – Food Processing in a Box. Abgerufen am 21. August 2025 von https://www.isi.fraunhofer.de/de/competence-center/foresight/projekte/fox.html#4
Moller, B., Voglhuber-Slavinsky, A., & Dönitz, E. (2020). Three scenarios for Europe’s food sector in 2035. Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI. Abgerufen am 26. August 2025 von https://publica-rest.fraunhofer.de/server/api/core/bitstreams/09b2536a-6353-48c6-b3c9-c33ce2391646/content
Gut zu wissen
Datenqualität entscheidet über Glaubwürdigkeit
Eindeutige Fragestellung
Damit die Szenario-Methodik ihre volle Wirkung entfaltet, braucht es eine klar definierte Leitfrage. Ein zu weit gefasster Themenbereich führt schnell zu unübersichtlichen Szenarien, die wenig Orientierung bieten. Konkrete Fragestellungen wie „Welche Entwicklungen prägen unsere Branche bis 2040?“ oder „Welche Rolle wird Nachhaltigkeit in unserem Geschäftsmodell spielen?“ helfen, den Prozess handlungsnah und zielgerichtet zu gestalten.
Qualitativ hochwertige Daten und Expertenschätzungen
Die Qualität der Szenarien hängt entscheidend von den verwendeten Daten ab. Neben harten Fakten wie Marktanalysen oder technologischen Trends sollten auch weiche Faktoren – etwa gesellschaftliche Werteverschiebungen oder veränderte Kundenbedürfnisse – berücksichtigt werden. Ergänzt durch fundierte Expertenschätzungen entsteht so ein belastbares Zukunftsbild, das realistische Entwicklungen von weniger wahrscheinlichen unterscheidbar macht.
Akzeptanz im Top-Management
Szenarien sind nur dann wirksam, wenn sie in die strategische Unternehmensführung einfließen. Dafür braucht es aktive Unterstützung durch das Top-Management. Entscheidend ist, dass die Führungsebene nicht nur Ergebnisse entgegennimmt, sondern den Prozess aktiv mitgestaltet. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Erkenntnisse tatsächlich in Investitionen, Innovationen und langfristige Unternehmensstrategien umgesetzt werden.
Interaktive, partizipative Prozesse
Die Szenario-Methodik lebt von der Vielfalt der eingebrachten Perspektiven. Wenn Mitarbeitende und externe Stakeholder in Workshops oder Simulationen aktiv mitwirken, entsteht ein tieferes Verständnis für Unsicherheiten und Zukunftspfade. Dieses gemeinsame Erarbeiten fördert nicht nur den Austausch zwischen Abteilungen, sondern erhöht auch das Commitment zur Umsetzung. So werden Szenarien zu einem verbindenden Element für die gesamte Organisation.
Weiterführende Informationen
Vertiefendes Informationsmaterial für Interessierte
Bradfield, R., Wright, G., Burt, G., Cairns, G. & Van Der Heijden, K. (2005). The origins and evolution of scenario techniques in long range business planning. Futures, 37(8), S. 795-812. Abgerufen am 18. September 2025 von https://doi.org/10.1016/j.futures.2005.01.003
Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI. (2023). FOX – Food Processing in a Box. Abgerufen am 21. August 2025 von https://www.isi.fraunhofer.de/de/competence-center/foresight/projekte/fox.html#4
Wright, G. & Cairns, G. (2011). Scenario Thinking: Practical Approaches to the Future. Palgrave Macmillan. Verfügbar unter https://link.springer.com/book/10.1057/9780230306899
Van der Heijden, K. (2005). Scenarios: The Art of Strategic Conversation. Wiley.
Das könnte Sie auch interessieren
Nachhaltigkeitsroadmap
Eine Nachhaltigkeitsroadmap ist ein strategischer Plan, der zentrale Nachhaltigkeitsziele – etwa Klimaneutralität, Ressourcenschonung oder faire Arbeitsbedingungen – sowie die dazugehörigen Meilensteine und Maßnahmen in zeitlicher Abfolge darstellt.
Im Mittelpunkt dieser Methode steht die Visualisierung der erforderlichen Schritte in einer solchen Roadmap.
Von der technologiegetriebenen Nachhaltigkeitsstrategie zum smarten Nutzfahrzeug @ John Deere GmbH & Co. KG, Zweibrücken
Mit der S7-Mähdrescher-Serie reagiert John Deere auf die wachsenden Anforderungen an Effizienz, Digitalisierung und Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft. Durch den Einsatz digitaler Technologien wie KI-gestützter Automatisierung, kamerabasierter Ernteüberwachung und cloudbasierter Datenvernetzung konnten sowohl die Produktivität als auch die Ressourceneffizienz signifikant gesteigert werden.
Das Fallbeispiel zeigt, wie ganzheitliche Entwicklungsansätze und technologieübergreifende Innovation zu messbaren Nachhaltigkeitseffekten führen.
Nachhaltigkeit durch partizipative Strategieentwicklung verankern @ Zahnen Technik GmbH
Zahnen Technik zeigt beispielhaft, wie Nachhaltigkeit im Innovationsmanagement durch einen partizipativen, systematischen Strategieprozess verankert werden kann.
Das mittelständische Unternehmen bindet Führungskräfte und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aktiv in die kontinuierliche Weiterentwicklung seiner nachhaltigen Wasser- und Abwasserlösungen ein – ein Erfolgsrezept für Innovationskraft und Umweltverantwortung.
Quelle: © Fraunhofer ISI
Quelle: Moller, B., Voglhuber-Slavinsky, A., & Dönitz, E. (2020). Three scenarios for Europe’s food sector in 2035. Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI.