Das Supplier Sustainability Assessment (SSA) – im Deutschen auch als nachhaltige Lieferantenbewertung bekannt – ist ein Prüf‑ und Bewertungsprozess, mit dem Unternehmen die ESG‑Leistung ihrer Lieferanten erfassen, bewerten und verbessern.
Ziele und Nutzen
Von Risiko bis Innovation: Nutzen eines Supplier Sustainability Assessments
Risikoreduktion
Durch die systematische Bewertung von Nachhaltigkeitsaspekten bei Lieferanten lassen sich potenzielle Reputations-, Lieferketten- und Compliance-Risiken frühzeitig identifizieren und wirksam minimieren.
Datenqualität für Klimaberichte
Das Supplier Sustainability Assessment verbessert die Qualität und Verlässlichkeit der Emissionsdaten entlang der vor- und nachgelagerten Wertschöpfungskette, was insbesondere für Berichterstattungen im Bereich Governance im Rahmen des CDP Supply Chain Programms zentral ist.
Innovationspartnerschaften mit progressiven Zulieferern
Die Analyse ermöglicht es, besonders fortschrittliche und nachhaltige Lieferanten – wie etwa von innovative Start-ups im Bereich Materialien – zu identifizieren und als strategische Innovationspartner in Entwicklungsprozesse einzubinden.
Nachweis gegenüber Kunden und Investoren
Die Einbindung externer Ratings schafft Transparenz über die Nachhaltigkeitsleistung der Lieferkette und stärkt das Vertrauen von Kunden, Investoren und weiteren Stakeholdern in das unternehmerische Handeln.
Typische Vorgehensweise
Wie Daten, Scoring und Feedback ineinandergreifen
Kriterien und Bewertungsmaßstäbe definieren
Zunächst werden die Bewertungskriterien für die Nachhaltigkeitsprüfung festgelegt. Diese orientieren sich in der Regel an den drei zentralen ESG-Dimensionen:
- Environment (Umwelt)
- Social (Soziales)
- Governance (Unternehmensführung)
Beispiele für Umweltkriterien sind CO₂-Emissionen oder der Einsatz von Recyclingmaterialien, während soziale Kriterien etwa Arbeitsbedingungen oder Menschenrechte betreffen. Governance umfasst unter anderem Korruptionsprävention oder Transparenz der Unternehmensstruktur.
Für jedes Kriterium werden Bewertungsmaßstäbe und Skalen definiert, die als Grundlage für die spätere Bewertung dienen.
Lieferantensegmentierung
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Anschließend erfolgt eine Risikobewertung und Einteilung der Lieferanten in Risikokategorien.
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Dabei wird geprüft, wie relevant ein Lieferant für das Unternehmen ist (z. B. strategisch oder volumenmäßig wichtig) und welche Risiken mit ihm verbunden sind – etwa durch den Standort in einem Hochrisikoland oder durch die Branche (z. B. Textil oder Bergbau).
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Die Segmentierung dient dazu, den Aufwand zielgerichtet zu steuern: kritische oder risikoreiche Lieferanten werden intensiver geprüft als solche mit geringer Relevanz oder Risiko.
Datenerhebung
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In dieser Phase werden relevante Daten zu den Lieferanten gesammelt.
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Dies kann durch Selbstauskünfte via Fragebögen, durch das Einreichen von Zertifikaten (z. B. ISO 14001) oder durch die Auswertung öffentlich zugänglicher Informationen erfolgen.
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Moderne Anbieter wie Veridion nutzen zusätzlich künstliche Intelligenz (KI), um externe Datenquellen automatisch zu durchsuchen und risikorelevante Informationen (z. B. Umweltvergehen, Medienberichte) in die Bewertung einzubeziehen.
Bewertung und Scoring
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Die gesammelten Daten werden im nächsten Schritt anhand eines definierten Bewertungssystems analysiert.
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Dies kann mithilfe externer Plattformen wie EcoVadis erfolgen, die standardisierte Scoring-Modelle anbieten, oder durch unternehmenseigene Tools, die individuell an interne Anforderungen angepasst sind.
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Die Bewertung ergibt eine Punktzahl oder ein Ranking, das die Nachhaltigkeitsleistung eines Lieferanten transparent macht und mit anderen vergleichbar macht.
Feedback & Korrekturmaßnahmen
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Lieferanten mit Defiziten in bestimmten Nachhaltigkeitsbereichen erhalten ein Feedback und die Möglichkeit, ihre Leistung gezielt zu verbessern.
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Dazu werden Verbesserungspläne (Corrective Action Plans) vereinbart, die konkrete Maßnahmen und Fristen beinhalten – etwa Schulungen, Prozessanpassungen oder neue Nachweise.
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Unternehmen können dabei unterstützend wirken, z. B. durch gemeinsame Workshops oder Know-how-Transfer.
Einbindung in Einkauf und Monitoring sowie Re-Audit
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Die Ergebnisse des Assessments fließen direkt in die Einkaufsstrategie ein – Lieferanten mit guter Nachhaltigkeitsbewertung können bevorzugt berücksichtigt werden.
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Gleichzeitig wird ein Monitoring-System etabliert, das Fortschritte dokumentiert und sicherstellt, dass zugesagte Maßnahmen umgesetzt werden.
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Bei Bedarf erfolgen Nachprüfungen (Re-Audits), insbesondere bei risikobehafteten oder strategisch wichtigen Lieferanten.
Anwendungsbeispiel
Hinweise für die Praxis – diese Kriterien werden von Unternehmen betrachtet
Eine systematische Lieferantenbewertung hilft Unternehmen, ökologische, soziale und ethische Risiken in der Lieferkette frühzeitig zu erkennen und Verbesserungen anzustoßen. Die folgenden vier Themen werden dabei in den Prozess der Bewertung einbezogen:
Ökologische Verantwortung prüfen
Unternehmen können ihre Lieferanten gezielt nach deren Umweltmanagement befragen und bewerten. Dazu gehören Fragen wie:
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Emissionen: Werden Treibhausgase bzw. CO₂-Emissionen gemessen und aktiv reduziert? Gibt es Maßnahmen zur Lärmminderung oder Luftreinhaltung?
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Abfall und Abwasser: Werden Abfälle vermieden, wiederverwertet oder fachgerecht entsorgt? Wie wird mit Abwasser umgegangen?
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Ressourcenverbrauch: Setzt der Lieferant energie- und wassersparende Verfahren ein? Nutzt er erneuerbare Energien?
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Naturschutz: Werden Ökosysteme und Biodiversität im Umfeld der Produktion berücksichtigt und geschützt?
Praxis-Tipp: Unternehmen können dafür Checklisten einsetzen oder Nachweise wie Umweltzertifikate (z. B. ISO 14001) einfordern.
Soziale Verantwortung und Menschenrechte sicherstellen
Nachhaltigkeit umfasst auch faire Arbeitsbedingungen. Kriterien sind u. a.:
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Keine Zwangs- oder Kinderarbeit: Der Lieferant muss nachweisen, dass solche Praktiken ausgeschlossen sind.
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Arbeitsbedingungen: Werden gesetzliche Vorgaben zu Löhnen und Arbeitszeiten eingehalten?
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Gesundheit und Sicherheit: Gibt es funktionierende Arbeitsschutzmaßnahmen?
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Gleichbehandlung: Diskriminierung nach Geschlecht, Herkunft oder Religion ist untersagt.
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Mitarbeiterrechte: Gibt es Beschwerdemechanismen für Beschäftigte?
Praxis-Tipp: Lieferanten können durch eigene Richtlinien oder anerkannte Standards wie SA8000 oder die ILO-Kernarbeitsnormen überprüft werden.
Ethisches Geschäftsverhalten bewerten
Neben Umwelt- und Sozialthemen geht es auch um Integrität und Transparenz:
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Korruptionsprävention: Hat der Lieferant Richtlinien oder Schulungen gegen Bestechung und Korruption?
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Rechtssicherheit: Werden Eigentumsrechte respektiert und faire Wettbewerbsregeln eingehalten?
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Politisches Engagement: Findet eine verantwortungsvolle Einflussnahme statt?
Praxis-Tipp: Unternehmen können hier Selbstverpflichtungserklärungen oder Code-of-Conduct-Dokumente von Lieferanten einfordern.
Umgang mit Konfliktmineralien (falls relevant)
Gerade in Branchen mit Elektronik oder Metallverarbeitung spielt die Herkunft von Rohstoffen eine Rolle:
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Transparenz: Liefert der Zulieferer Informationen über die Herkunft von Zinn, Tantal, Wolfram oder Gold? Verzichtet der Lieferant auf Mineralien aus Konfliktgebieten?
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Dokumentation: Kommt der Lieferant seinen Dokumentationspflichten nach, z. B. entsprechend der EU-Konfliktmineralienverordnung?
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Standards: Orientiert sich der Lieferant an Initiativen wie der „Conflict-Free Sourcing Initiative“ oder den OECD-Leitlinien?
Praxis-Tipp: Unternehmen können hier Herkunftsnachweise verlangen und nur mit Lieferanten zusammenarbeiten, die konfliktfreie Mineralien einsetzen.
Bayerisches Landesamt für Umwelt (2022): Nachhaltige Lieferkette – Hinweise zur Lieferantenbewertung (Teil des Bausteins „Nachhaltige Lieferkette“ im Online-Tool „Nachhaltigkeitsmanagement für KMU“). Erstellt im Rahmen des Umwelt- und Klimapakts Bayern, Infozentrum UmweltWirtschaft (IZU), LfU, Augsburg, Stand: April 2022. Abgerufen am 20. August 2025 von https://www.umweltpakt.bayern.de/download/werkzeuge/nachhaltigkeitsmanagement/lieferantenbewertung_2022.pdf.
Gut zu wissen
Vom Top-Management bis zum Tracking: Erfolgsbausteine im Supplier Management
Top-Down-Verankerung
Die Unternehmensleitung sollte die Umsetzung durch klare Zielsetzungen, die Bereitstellung von Ressourcen und die Integration nachhaltiger Beschaffungspraktiken in bestehende Prozesse aktiv unterstützen. So wird Nachhaltigkeit als fester Bestandteil des Arbeitsalltags verstanden.
Indem Führungskräfte diese Rahmenbedingungen erreichen, erleichtern sie den Einkaufsteams die praktische Umsetzung und stärken zugleich die Verbindlichkeit gegenüber den Lieferanten.
Transparente Kommunikation
Das Unternehmen sollte seine Bewertungskriterien eindeutig und frühzeitig mit den Lieferanten teilen, um Vertrauen und Planungssicherheit aufzubauen.
Durch eine offene Kommunikation über Erwartungen und Zielgrößen lassen sich Missverständnisse vermeiden und Akzeptanz fördern.
So entsteht eine konstruktive Basis, auf der Lieferanten ihre Prozesse gezielt auf Nachhaltigkeit ausrichten können.
Verbesserungspartnerschaften
Unternehmen sollten Lieferanten nicht nur bewerten, sondern sie bei der Weiterentwicklung unterstützen.
Gemeinsame Maßnahmenpläne, Workshops oder Schulungen unterstützen dabei, Nachhaltigkeitsstandards Schritt für Schritt umzusetzen.
Dadurch wird die Beziehung langfristig stabilisiert und beide Seiten profitieren von einer gestärkten Wettbewerbsfähigkeit.
Digitales Tracking-System
Die Einführung eines digitalen Erfassungssystems ermöglicht es, die Nachhaltigkeitsleistung von Lieferanten zu dokumentieren.
So können Fortschritte transparent dargestellt und Verbesserungsbedarfe frühzeitig erkannt werden.
Einkaufsteams erhalten damit ein praxisnahes Instrument, das schnelle Entscheidungen und eine datenbasierte Zusammenarbeit mit Lieferanten unterstützt.
Weiterführende Informationen
Hier erfahren Sie mehr zum Thema SSA
Bayerisches Landesamt für Umwelt (2022): Nachhaltige Lieferkette – Hinweise zur Lieferantenbewertung. Teil des Bausteins „Nachhaltige Lieferkette“ im Online-Tool „Nachhaltigkeitsmanagement für KMU“. Erstellt im Rahmen des Umwelt- und Klimapakts Bayern, Infozentrum UmweltWirtschaft (IZU). Augsburg. Abgerufen am 20. August 2025 von https://www.umweltpakt.bayern.de/download/werkzeuge/nachhaltigkeitsmanagement/lieferantenbewertung_2022.pdf.
Global Reporting Initiative. (2016). GRI 308: Supplier environmental assessment 2016. Abgerufen am 20. August 2025 von https://www.globalreporting.org/pdf.ashx?id=12532&page=1
Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). (2018). OECD-Leitfaden für die Erfüllung der Sorgfaltspflicht für verantwortungsvolles unternehmerisches Handeln. Abgerufen am 13. Mai 2025 von https://www.oecd.org/de/publications/oecd-leitfaden-fur-die-erfullung-der-sorgfaltspflicht-fur-verantwortungsvolles-unternehmerisches-handeln_a0e31ac1-de.html
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