Massenbilanz-Ansatz

Anwendungsbereich

Anwendungsbereich

Zur Einordnung der Fallbeispiele und Methoden wird zwischen den Anwendungsbereichen Ziele, Strategie, Operatives & Projekte, Governance & Strukturen sowie Kultur & Führung unterschieden. Diese Kategorisierung orientiert sich am Praxismodell des nachhaltigen Innovationsmanagements und zeigt, in welchem thematischen Schwerpunkt ein Fallbeispiel oder eine Methode verortet ist.

Weitere Informationen zum Praxismodell finden Sie hier.

Operatives & Projekte, Governance & Strukturen

Zweck

Zweck

Zur Einordnung der Methoden wird zwischen Ideenentwicklung & Konzept, Orientierung & Analyse sowie Umsetzung & Bewertung unterschieden.

Die Kategorien geben an, welchen Beitrag die jeweilige Methode im Innovationsprozess leistet – von der Entwicklung erster Ideen über die systematische Analyse bis hin zur praktischen Umsetzung und Bewertung der Ergebnisse.

Umsetzung & Bewertung

Umsetzungsaufwand

Umsetzungsaufwand

Die Anforderungen sind in folgende Stufen aufgeteilt:

+ Gering:

Leicht verständlich · Wenig Vorkenntnisse nötig · Wenig Planungsaufwand · Keine externe Begleitung nötig

++ Moderat:

Vorkenntnisse hilfreich · Strukturierte Vorbereitung erforderlich · Moderation oder Anleitung sinnvoll

+++ Erhöht:

Fachlich anspruchsvoll · Erhöhter Planungs- und Analyseaufwand · Externe Begleitung meist erforderlich

+++ Erhöht

Der Massenbilanz-Ansatz ist ein bilanzierendes Verfahren, das angewendet werden kann, wenn alternative und fossile Rohstoffe gemeinsam in einem Produktionsprozess verarbeitet werden. Die jeweiligen Mengenanteile werden erfasst und rechnerisch auf die hergestellten Produkte verteilt. Unter definierten Bedingungen können z. B. Verpackungen gemäß der EU-Verpackungs- und Verpackungsabfallverordnung (Packaging & Packaging Waste Regulation, PPWR) als "aus recyceltem Material hergestellt" ausgewiesen werden, um gesetzliche Rezyklatquoten zu erfüllen – auch wenn der physische Rohstoffanteil im einzelnen Produkt variieren kann.

Wird in einer Produktionsanlage eine Mischung aus 30 % recyceltem Kunststoff und 70 % Neuware verarbeitet, kann der Massenbilanz-Ansatz rechnerisch 30 % des gesamten Produktausstoßes als „recycelt“ ausweisen – auch wenn einzelne Verpackungen vollständig aus Neuware oder vollständig aus Recyclingmaterial bestehen können.

Ziele und Nutzen

Nachhaltigkeit rechnerisch nachweisen

Förderung des Einsatzes nachhaltiger Rohstoffe

Der Massenbilanz-Ansatz ermöglicht es, erneuerbare oder recycelte Rohstoffe in bestehende Produktionsprozesse zu integrieren, ohne diese grundlegend umzustellen.

Indem biobasierte oder recycelte Materialien mit konventionellen Rohstoffen vermischt und anteilig bilanziert werden, können Unternehmen schrittweise auf alternative Rohstoffe umstellen – bspw. beim Einsatz von biobasierten Kunststoffen oder chemisch recycelten Ausgangsstoffen.

Transparenz und Nachverfolgbarkeit entlang der Wertschöpfungskette

Durch ein Massenbilanzsystem lässt sich genau nachvollziehen, wie viel nachhaltiger Rohstoff in die Produktion eingeflossen ist und welchem Produkt dieser rechnerisch zugeordnet wurde.

Diese Transparenz ist besonders für Kunden, Partner und externe Prüfer wichtig und baut Vertrauen auf – etwa bei Produktkennzeichnungen oder Nachhaltigkeitsaudits.

Nutzung bestehender Infrastruktur ohne zusätzliche Investitionen

Ein großer Vorteil des Massenbilanz-Ansatzes ist, dass Unternehmen ihre bestehenden Produktionsanlagen, Lieferketten und Logistiksysteme weiter nutzen können.

Es sind keine separaten Produktionsprozesse oder -linien für nachhaltige Rohstoffe notwendig, was die Umstellung auf umweltfreundlichere Materialien wirtschaftlich attraktiver und schneller umsetzbar macht.

 

Beitrag zur Kreislaufwirtschaft und Emissionsreduktion

Indem der Massenbilanz-Ansatz die Verwendung recycelter oder biogener Rohstoffe ermöglicht, leistet er einen wichtigen Beitrag zur Ressourcenschonung und Treibhausgasreduktion.

Auch wenn sich die Materialien im Endprodukt chemisch nicht unterscheiden, wird durch die systematische Erfassung und Bilanzierung ein realer Umweltbeitrag messbar und marktfähig gemacht.

Typische Vorgehensweise

So funktioniert der Massenbilanz-Ansatz im Betrieb

Scope und Rohstoffquellen definieren

  • Die erste Phase bei der Implementierung eines Massenbilanz-Ansatzes besteht in der präzisen Definition des Geltungsbereichs (Scope) und der zugrunde liegenden Rohstoffquellen.

  • Dabei wird festgelegt, welche Produktionsbereiche, Produktgruppen oder geografischen Standorte einbezogen werden und ob biobasierte, recycelte oder anderweitig nachhaltige Rohstoffe berücksichtigt werden sollen.

  • Eine klare Eingrenzung ist zentral, um den späteren Bilanzierungsprozess konsistent und nachvollziehbar gestalten zu können.

Bilanzierungsregeln wählen

  • Anschließend werden die spezifischen Bilanzierungsregeln festgelegt. Dies betrifft insbesondere die Definition von Systemgrenzen – also die Frage, welche Prozesse und Materialflüsse in die Massenbilanz einbezogen werden – sowie die Festlegung von Allokationsschlüsseln zur rechnerischen Verteilung nachhaltiger Rohstoffe auf Endprodukte.

  • Diese Regeln sollten sich an etablierten Standards wie der ISO 22095 („Chain of Custody“) oder der ISO 14040 ff. zur Ökobilanzierung orientieren, um internationale Vergleichbarkeit und Glaubwürdigkeit sicherzustellen.

Register und IT-System implementieren

  • Ein zentrales Element der Umsetzung ist der Aufbau eines Registers zur Dokumentation der Materialflüsse, das idealerweise in ein bestehendes oder neu entwickeltes IT-System integriert wird.

  • Dieses Register ermöglicht die kontinuierliche Erfassung, Überwachung und Rückverfolgung der eingesetzten nachhaltigen und fossilen Rohstoffe sowie deren Allokation auf die jeweiligen Produktchargen.

  • Die digitale Abbildung der Bilanzierung schafft Transparenz und minimiert Fehlzuweisungen.

Standard und Zertifizierer auswählen

  • Zur Gewährleistung der Nachprüfbarkeit wird im nächsten Schritt ein geeigneter Nachhaltigkeitsstandard ausgewählt, etwa ISCC PLUS, RSB oder REDcert².

  • Diese Standards definieren nicht nur die Kriterien für die Massenbilanzierung, sondern auch die Anforderungen an die Dokumentation, Rückverfolgbarkeit und Kommunikation der Ergebnisse.

  • Gleichzeitig erfolgt die Auswahl einer unabhängigen Zertifizierungsstelle, die regelmäßig Audits durchführt und die Einhaltung der Standards prüft.

Claim-Schulung von Vertrieb und Kunden

  • Die interne und externe Kommunikation nachhaltiger Produktmerkmale erfordert klare und regelkonforme Aussagen.

  • Daher sind eine gezielte Schulung von Vertriebsmitarbeiterinnen und Vertriebsmitarbeitern sowie die Information relevanter Kundengruppen erforderlich. 

  • Ziel ist es, die zulässigen Claims – etwa "produziert mit 30 % recyceltem Anteil (mass balance)" – korrekt und einheitlich zu verwenden. Dies stärkt die Glaubwürdigkeit und vermeidet Greenwashing-Vorwürfe.

Audit, Monitoring, jährliche Updates

  • Abschließend wird das Massenbilanzsystem regelmäßig durch externe Auditoren geprüft.

  • Die Auditierung umfasst sowohl die Einhaltung der festgelegten Bilanzierungsregeln als auch die Funktionalität des IT-Systems und der internen Prozesse.

  • Darüber hinaus sollten jährliche Updates erfolgen, um das System an neue regulatorische Anforderungen, Marktbedingungen oder technische Entwicklungen anzupassen.

  • Ein kontinuierliches Monitoring sichert die langfristige Wirksamkeit und Akzeptanz des Ansatzes.

Anwendungsbeispiel

Continental: Der Conti Urban NXT

Ein aktuelles Anwendungsbeispiel für den Massenbilanz-Ansatz liefert das Unternehmen Continental. In der Produktion werden biobasierte und recycelte/zirkuläre Materialien gemeinsam mit konventionellen Rohstoffen innerhalb desselben Produktionssystems eingesetzt. Durch ein präzises Dokumentationssystem bleibt der Anteil nachhaltiger Materialien entlang der gesamten Produktionskette nachvollziehbar.

Ein explizites Beispiel ist der Reifen Conti Urban NXT, der bis jetzt nachhaltigste Reifen von Continental. Dieser verbindet 59 % nachwachsende, wiederverwertete sowie ISSC PLUS Massenbilanzzertifizierte Materialien mit konventionellen Materialien in der Produktion. Die zertifizierten Materialmengen werden entlang der gesamten Produktionskette lückenlos nachverfolgt, wodurch eine vollständige Transparenz und eine eindeutige Zuordnung der nachhaltigen Rohstoffe sichergestellt wird.


https://www.continental.com/de/stories/mit-continental-in-eine-nachhaltigere-zukunft/

Gut zu wissen

Was Sie bei der Umsetzung beachten sollten

Eindeutige und dokumentierte Zuteilungsregeln

Die rechnerische Zuordnung nachhaltiger Rohstoffe zu Endprodukten muss nachvollziehbar, konsistent und regelkonform erfolgen. Nur wenn die Zuteilungsregeln transparent dokumentiert sind – etwa nach anerkannten Standards wie ISCC PLUS oder REDcert² – ist eine glaubwürdige und prüfbare Anwendung möglich.

 

Rückverfolgbare Mengenflüsse im System

Ein wichtiges Element des Massenbilanz-Ansatzes ist die exakte Erfassung von Eingangs- und Ausgangsmengen nachhaltiger und konventioneller Rohstoffe. Die Dokumentation dieser Stoffströme muss lückenlos erfolgen, damit jederzeit nachvollziehbar ist, welche Mengen welchem Produkt rechnerisch zugeordnet wurden.

Integration in bestehende Betriebs- und IT-Prozesse

Damit der Massenbilanz-Ansatz im Tagesgeschäft funktioniert, sollte er in bestehende Systeme wie Warenwirtschaft, Buchhaltung oder Produktionsplanung eingebunden werden. Das reduziert manuellen Aufwand, erhöht die Datenqualität und erleichtert interne wie externe Kontrollen.

Schulung und Sensibilisierung relevanter Mitarbeitender

Für eine erfolgreiche Umsetzung ist es wichtig, dass alle beteiligten Fachbereiche – etwa Einkauf, Produktion, Qualitätssicherung und Vertrieb – den Ansatz verstehen und konsequent anwenden. Schulungen und klare Verantwortlichkeiten helfen, Fehlinterpretationen zu vermeiden und die Methode wirksam im Unternehmen zu verankern.

Weiterführende Informationen

Standards und Leitfäden für die praktische Anwendung

International Organization for Standardization. (2020). ISO 22095: Chain of custody – General terminology and models. ISO. https://www.iso.org/standard/72532.html

ISCC System GmbH. (2024). ISCC PLUS System Document: 9.4 Mass Balance. Abgerufen am 25. September 2025 von https://www.iscc-system.org/wp-content/uploads/2024/03/ISCC-PLUS_v3.4.2.pdf

Jeswani, H. K., Krüger, C., Kicherer, A., Antony, F., & Azapagic, A. (2019). A methodology for integrating the biomass balance approach into life cycle assessment with an application in the chemicals sector. Science of The Total Environment, 687, S. 380. Abgerufen am 18. September 2025 von https://doi.org/10.1016/j.scitotenv.2019.06.088

Tabritzi, S., Crêpy, M., Rateau, F. (2021). Determining recycled content with the "mass balance approach" - 10 recommendations for development of methods and standards. Position paper. Abgerufen am 18. September 2025 von https://ecostandard.org/wp-content/uploads/2021/02/2021_zwe_joint-paper_recycling_content_mass_balance_approach.pdf

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