SCHOTT geht neue Wege in der Glasproduktion: Mit dem Einsatz von Wasserstoff als primärem Energieträger will das Unternehmen einen der CO2-intensivsten Industrieprozesse nachhaltig transformieren. Erste Tests zeigen: Emissionsärmeres Glas ist technisch machbar und bleibt qualitativ hochwertig.
Ausgangssituation
Glasproduktion als traditionell energieintensives Verfahren mit hohem CO₂-Ausstoß
Die traditionelle Glasproduktion basiert auf der Erhitzung von Glasschmelzwannen durch Erdgas oder Strom – ein Verfahren, das zu enormen Emissionen führt. SCHOTT, einer der weltweit führenden Spezialglashersteller, stellt sich der Herausforderung, seine energieintensive Produktion grundlegend klimafreundlicher zu gestalten. Der Einsatz fossiler Brennstoffe ist nicht nur klimaschädlich, sondern auch angesichts steigender Energiepreise wirtschaftlich zunehmend risikobehaftet. Getrieben von Klimazielen und Nachhaltigkeitsverpflichtungen hat SCHOTT deshalb nach zukunftsfähigen Alternativen gesucht.
Lösung
Innovationskraft im Schmelzofen: Wie SCHOTT Wasserstoff als Schlüssel zur klimaneutralen Glasproduktion nutzt
Die Glasproduktion gehört zu den besonders schwer dekarbonisierbaren Industrien – umso bemerkenswerter ist der technologische Fortschritt, den SCHOTT hier mit der schrittweisen Umstellung auf Wasserstoff erzielt hat. Im Zentrum der Entwicklung steht die Transformation des energieintensiven Glasschmelzprozesses: Perspektivisch soll dieser vollständig mit grünem Wasserstoff betrieben werden, um fossile Brennstoffe zu ersetzen und die CO₂-Emissionen deutlich zu senken.
Der Innovationsprozess bei SCHOTT folgt dabei systematisch den vier Phasen des St. Galler Business-Innovation-Modells: Idea Generation, Design, Test und Launch.
Auf Basis der Identifikation von Wasserstoff als potenzieller Energieträger wurden gezielte Forschungsprojekte initiiert und ein spezialisiertes Projektteam aufgesetzt, das ausschließlich für diese Entwicklung verantwortlich ist. Das Unternehmen investierte für die Entwicklung neuer Schmelztechnologien auf Basis von Grünstrom, Wasserstoff oder anderen Energieträgern einen zweistelligen Millionenbetrag.
In einem iterativen Ansatz erprobte SCHOTT zunächst den Einsatz von Wasserstoff-Erdgas-Gemischen. Nach erfolgreichen Labor- und Technikumsversuchen wurde der Prozess auf industrielle Maßstäbe skaliert – einschließlich Tests mit 100 % Wasserstoff. Im Fokus stand dabei nicht nur die Prozessstabilität, sondern auch die Sicherung der hohen Glasqualität. Beide Anforderungen konnten erfüllt werden.
Wegen der aktuell eingeschränkten Infrastruktur begann SCHOTT mit grauem Wasserstoff, der mittelfristig durch grünen Wasserstoff ersetzt werden soll – abhängig von Verfügbarkeit und wettbewerbsfähigen Preisen. Die Umstellung ist Teil einer übergeordneten Klimastrategie: Emissionen sollen durch technologische Innovation und den Einsatz von 100 % Grünstrom vermieden, durch höhere Energieeffizienz reduziert und durch Beteiligungen an internationalen Klimaschutzprojekten kompensiert werden. Auch die Elektrifizierung der Schmelzwannen mittels grünem Strom wird als Weg verfolgt. Hier wird gerade eine erste Pilotwanne errichtet.
Die Kombination aus technologischer Fokussierung, konsequenter Qualitätssicherung und langfristiger Dekarbonisierungsstrategie unterstreicht die Innovationskraft von SCHOTT in einem konservativen Marktumfeld. Langfristiges Ziel ist die Dekarbonisierung der Produktion und der Lieferkette – ein Anspruch, den das Unternehmen mit Projekten wie der wasserstoffbasierten Glasschmelze aktiv untermauert.
Nachhaltigkeitseffekte
Ein Modellprojekt für eine emissionsarme Glasindustrie
Die Tests zeigen klar:
Eine klimafreundlichere Glasproduktion ist technisch machbar. Mit dem erfolgreichen Einsatz von Wasserstoff sendet SCHOTT ein deutliches Signal für die Dekarbonisierung energieintensiver Industrien. Das Projekt liefert nicht nur einen Proof of Concept für SCHOTT selbst, sondern auch wertvolle Erkenntnisse für die gesamte Glasindustrie – mit Potenzial, als Blaupause für weitere Branchen zu dienen. Der Umstieg birgt langfristig ein enormes CO₂-Einsparpotenzial – vorausgesetzt, die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen stimmen.
Denn der technologische Fortschritt allein reicht nicht aus:
Der Erfolg des Projekts hängt maßgeblich von gezielten Förderprogrammen, einem flächendeckenden Ausbau der Wasserstoffinfrastruktur sowie günstigen Marktbedingungen ab. Die größte Hürde bleibt aktuell der Preis – grüner Wasserstoff kostet derzeit fünf- bis zehnmal so viel wie fossiles Erdgas. Damit dieses Vorzeigeprojekt skalierbar und wirtschaftlich tragfähig wird, braucht es politische Unterstützung, Investitionen in erneuerbare Energien und weitere Forschung.
Weitere Informationen
*entstanden ist dieses Fallbeispiel auf Basis einer studentischen Ausarbeitung von Annabell Sophie Kopp, Studierende im Masterstudiengang Innovation Management an der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen (Sommersemester 2025)
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